Skip to main content
29.05.2022 Neues aus den Gemeinden

100 Jahre Markt­ge­mein­de Grat­korn - Was gibt es da zu fei­ern?

"Nur wer weiß, woher er kommt, kann erkennen, wohin er geht." Vielen Gratkorner:innen fehlt bei den Veranstaltungen zum Jubiläum 100 Jahre Marktgemeinde sowohl der würdigende als auch der kritische Umgang mit der Geschichte der Gemeinde. Vor 100 Jahren hat es eine massive Wende in der Gemeinde gegeben und es wurde nicht nur Gutes geschaffen, sondern auch Gräben aufgerissen, die bis heute nicht überbrückt sind.

“Nur wer weiß, woher er kommt, kann erkennen, wohin er geht,” so der damalige Bürgermeister E. Fandl beim 75-Jahr-Jubiläum der Marktgemeinde. Und weiter: “ln diesem Sinne ist die Aufarbeitung der Geschichte und Vorgeschichte unseres Lebensraumes eine Aufgabe, der man sich nicht entziehen sollte. Das Jubiläum unserer Marktgemeinde ist naturgemäß ein guter Anlass, dies umzusetzen.” Davon ist nun beim Jubiläum 100 Jahre leider wenig zu merken. Die Gemeindeführung feiert sich selbst und schaut wenig dorthin, was früher war, was gewollt wurde, was von den Vorhaben gelungen und was gescheitert ist und was es dringend zu tun gilt.

Blättern wir also etwas zurück in der Geschichte von Gratkorn. Seit dem Beginn der Papierindustrie hat die kleine bäuerliche Gemeinde einen großen Wandel durchgemacht. Die Einwohnerzahl stieg enorm und die Menschen aus dem bäuerlichen Umfeld sind eine Minderheit geworden. 1919 und somit auch bei der Ernennung zur Marktgemeinde (durch Beschluss der Bundesregierung am 10.5.1922) war dann das erste Mal keiner der “bäuerlichen Gemeinde” mehr Bürgermeister. Es war der erste frei gewählte Bürgermeister und seither (bis auf 1934-1945) waren alle Bürgermeister Sozialdemokraten mit Bezug zur Papierfabrik.
Eine Zäsur war da sicherlich auch, dass bei der Übersiedelung von der Gemeindestube am Kirchplatz in das neu errichtete Gemeindeamt (1925) ein großer Teil des alten Aktenmaterials vernichtet wurde bzw. verloren ging, quasi ein Trennstrich zur alten Gratkorner Geschichte.
Groß waren die Pläne der neuen Marktgemeinde: von der Straßenbahnlinie (Graz – Gratkorn) bis hin zur städtischen Gestaltung der Wohngebiete (aus Ansprachen damals). Die Brucker Straße war damals noch der Bereich, wo sich die Menschen trafen und sich das Leben der Arbeiterfamilien abspielte. Der Bereich um Kirche, Seniorenheim und Gemeindeamt war der zweite Mittelpunkt. Statt öffentlichen Raum und somit Lebensqualität für die Menschen zu erhalten und neu zu schaffen, wurden diese Pläne sowohl vom Autoverkehr als auch von kurzdenkender Klientel-Politik überrollt. Die guten Pläne wurden über Bord geworfen, bis in die heutige Zeit, in der Bäume am Straßenrand sterben oder gar Parkplätzen weichen und viele Menschen die Hauptstraße (meist unbewusst) abwertend als Durchzugsstraße bezeichnen.
Fehlende konsequente Planung und sture Privatinteressen haben kurze Verbindungen zum Gehen und Radfahren zerstört und die Aufenthaltsqualität durch Autos, Lärm und Gestank zerstört. Gratkorn gilt auch im Jubiläumsjahr für viele, vor allem für potenzielle Gäste, als “schiach” und die Straßen als gefährlich.

Andererseits gibt es durchaus auch beachtliche Leistungen, sei es, dass für eine Industriegemeinde an einer Autobahn die Luft- und Wasserqualität nicht (oder zumindest kaum) schlechter ist als in anderen Ballungsräumen. Und sonst? Schulstandort oder Einkaufsort – nicht wirklich, öffentlicher Verkehr – na ja, Freizeitangebot – kommt ein bisserl vor, Kultur – was versteht man darunter? und Sport – ja, da gibt es gute Leistungen. Worauf können Gratkorner:innen also stolz sein? Was können wir tatsächlich feiern?

Ein Blick auf die Webseite und den dort abrufbaren Folder gibt Hinweise, was gefeiert werden könnte:

  • Die Betriebe – die nicht nur Arbeitgeber sind, sondern oft auch international als innovativ, modern und umweltfreundlich dastehen und auch ausgezeichnet sind. Sie sind nicht nur finanziell das Rückgrat, sondern wichtiger Bestandteil der Gemeinde und Standort von Rettung, Kulturhaus etc.
  • Die vier dort aufgelisteten Auszeichnungen der Gemeinde, wobei auffällt, dass es zwei (FairTradeGemeinde, TIPP-freie Gemeinde) ohne uns Grüne nicht gäbe und wir auch ganz wichtigen Anteil daran haben, dass die Gemeinde als Klimafreundliche Gemeinde und Familienfreundliche Gemeinde ausgezeichnet ist.
  • Die (Vor-)Geschichte – von paläonthologischen bis prähistorischen Funden findet sich Bedeutsames in den Landesmuseen. Das christliche Leben und die Pfarre werden im Folder von 2019 gewürdigt. Auch der Beitrag am Gesellschaftsleben der Pfarre in der heutigen Zeit ist beträchtlich, mit Veranstaltungen, mit wegweisenden Initiativen (z.B. Kostnixladen) und der Vorbildwirkung im Umweltbereich.

Was man bei den bisherigen Feierlichkeiten hingegen gesehen hat, ist ein sehr reduzierter Blickwinkel einiger weniger Personen, die auf vieles, was ihnen nicht in den Kram passt, “vergessen” haben. Das geht sogar so weit, dass ehemalige Angestellte der Gemeinde zu den Festakten gar nicht eingeladen wurden, dass ganze Bereiche des Lebens der Gratkorner:innnen ausgeblendet wurden. Im Grunde feiern einige sich selbst ohne Inhalt und Substanz und ohne zu bemerken, dass Gratkorn eigentlich mehr ist.

Vermutlich wird auch Ihnen einiges einfallen, worauf Sie in Gratkorn stolz sind. Es gibt also durchaus Grund zum Feiern. Auch wenn diese Gründe nicht gerade genannt werden, es gibt sie. Und wenn Sie einen Beitrag – vielleicht sogar ehrenamtlich – in einem Verein oder aus Natur- oder Nächstenliebe leisten, dann haben Sie erst Recht einen guten Grund, unser Gratkorn zu feiern. Genießen Sie das Veranstaltungsangebot!

Gemeinderat Hans Preitler
Hans Preitler

Gemeinderat

hans.preitler@gruene.at
Beitrag teilen
1
2
3
4
5
6
7
8